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Das Mädchen seiner Träume: Donna Leon
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Donna Leon

Das Mädchen seiner Träume

Commissario Brunettis siebzehnter Fall

sofort lieferbar
1 gebund. Buch
Bestellnummer: 106537
Gebunden mit Schutzumschlag, 352 Seiten
Buchhandelsausgabe 22,60 €
Clubausgabe 19,60 €
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Über dieses Buch:

Ein Mädchen treibt tot im Canal Grande. Brunetti ist zutiefst erschüttert - denn niemand meldet das Kind als vermisst. Und auch der Goldschmuck, den das Mädchen bei sich trägt, wird von niemandem reklamiert. Wer ist das geheimnisvolle Kind? Und warum musste es sterben? Brunettis 17. Fall führt ihn von den Auffanglagern der Ärmsten bis ins Wohnzimmer von Wohlsituierten mit ihren guten Verbindungen zu Recht und Ordnung. Und der Commissario folgt einmal mehr seinem eigenen Gesetz ... »Brunetti ist kein eiskalter, korrupter Verbrechensaufklärer. Den mag Mann - und Frau.« Rhein-Zeitung
EAN: 9783257066951

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"Das Mädchen seiner Träume" und "Das verlorene Symbol" zusammen für 46,40 €

Leseprobe:

Brunetti zählte im Stillen bis vier, wieder und immer wieder. Auf die Weise, so hatte er herausgefunden, ließen sich fast alle anderen Gedanken abschalten. Die Szene vor ihm konnte er damit zwar nicht ausblenden, aber es war ein verheißungsvoller Frühlingstag, und solange er den Blick über die Umstehenden nach oben lenkte, konnte er die Zypressenwipfel und den leicht bewölkten Himmel betrachten, und was er sah, gefiel ihm. Wenn er den Kopf nur ein klein wenig drehte, sah er aus den Augenwinkeln die hohe Ziegelmauer, hinter der der Turm von San Marco aufragen musste. Das Zählen wirkte als geistige Übung so ähnlich, als ob man, wenn es einen fror, die Schultern einzog. Hoffte man damit, der Kälte weniger Angriffsfläche zu bieten, so mochte es hier den Schmerz verringern, wenn er sich dem Geschehen mit seinen Gedanken nicht aussetzte.
Paola, die rechts neben ihm stand, hakte sich bei ihm unter, und sie setzten sich gemeinsam in Bewegung. Zu seiner Linken hatte er seinen Bruder Sergio, dessen Frau und zwei ihrer Kinder. Raffi und Chiara folgten hinter ihm und Paola. Mit einem matten Lächeln, das sich im Nu in der Morgenluft verflüchtigte, wandte er sich nach den beiden um. Während Chiara zurücklächelte, senkte Raffi den Blick.
Brunetti presste seinen Arm gegen Paolas; sein Blick ruhte auf ihrem Scheitel. Links hatte sie sich das Haar hinters Ohr gestrichen, und er sah, dass sie die goldgefassten Lapislazuliohrringe trug, die er ihr vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte. Das Blau des Ohrschmucks war etwas heller als das ihres Mantels: Sie hatte den dunkelblauen gewählt. Wann, fragte er sich, war die ungeschriebene Regel abgeschafft worden, dass man bei Beerdigungen schwarz zu tragen habe? Das Begräbnis seines Großvaters fiel ihm ein, wo die ganze schwarz verhüllte Familie, allen voran die Frauen, ausgesehen hatten wie gemietete Trauergäste im viktorianischen Roman, den er zu der Zeit freilich noch nicht kannte.
Damals hatte der ältere Bruder seines Großvaters noch gelebt und war auf ebendiesem Friedhof unter ebendiesen Bäumen hinter dem Sarg hergegangen, über den ein Priester vermutlich die gleichen Gebete gesprochen hatte wie der heute. Brunetti erinnerte sich, dass der alte Mann einen Klumpen Erde von seinem Hof unweit von Dolo bei sich trug - den Hof gab es schon lange nicht mehr, er hatte der Autostrada und den Fabriken weichen müssen. Während sie stumm das offene Grab umstanden, in das der Sarg hinabgelassen wurde, hatte der Großonkel - er war mindestens neunzig - sein Taschentuch hervorgeholt, es auseinandergefaltet, einen kleinen Brocken Erde herausgeklaubt und auf den Sargdeckel geworfen.
Diese Geste zählte zu den quälenden Erinnerungen aus Brunettis Kindheit, denn er begriff nicht und keiner aus der Familie hatte ihm erklären können, wieso der alte Mann seine eigene Erde mitgebracht hatte. Jetzt, in der Rückschau, beschhchen ihn allerdings Zweifel, ob die ganze Szene womöglich bloß der Phantasie eines überreizten Sechsjährigen entsprungen war, den all die vielen schwarz verhüllten Menschen ebenso verwirrten wie die hilflosen Bemühungen seiner Mutter, ihm, ihrem kleinen Sohn, den Tod zu erklären.
Jetzt wusste sie wohl Bescheid. Oder auch nicht. Für Bru-netti lag der Schrecken des Todes gerade darin, dass jede Gewissheit erlosch, die Toten also aufhörten zu wissen, zu verstehen, ja, dass für sie einfach alles zu Ende war. Dabei waren seine frühen Jahre durchaus von religiösen Mythen geprägt gewesen: das schlafende Jesuskind in seiner Krippe, die Auferstehung des Fleisches und die Verheißung einer besseren Welt für alle guten und frommen Menschen.
Lauter Dinge, an die sein Vater nie geglaubt hatte: Auch das gehörte zu den Konstanten aus Brunettis Kindheit. Ein verschlossener Nihilist, der seine offenbar tiefgläubige Frau stillschweigend gewähren ließ, selbst aber nie zur Kirche ging, ja sich, wenn der Priester das Haus segnen kam, jedes-mal verdrückte und weder an Taufe, Erstkommunion noch Firmung seiner Kinder teilnahm. Darauf angesprochen, murmelte Brunetti senior etwas von »sciocchezze« oder »roba da donne«, ohne sich weiter auf das Thema einzulassen. Seinen beiden Söhnen ließ er die Wahl, ob sie ihm in der Überzeugung folgen wollten, Religionsausübung sei dummer Weiberkram oder etwas für dumme Frauen. Am Ende aber, dachte Brunetti, hatten sie ihn doch noch gekriegt. Ein Priester hatte dem sterbenden Vater im Ospedale Civile die Letzte Ölung erteilt, und über seinem Leichnam wurde eine Messe gelesen.
Vielleicht war all das seiner Frau zuliebe geschehen. Brunetti hatte genug Erfahrung mit dem Tod, um zu wissen, wie viel Trost der Glaube den Hinterbliebenen zu spenden vermag. Womöglich hatte er selbst das bei einem der letzten Gespräche mit seiner Mutter - oder jedenfalls einem der letzten, solange sie noch geistig klar war-im Hinterkopf gehabt. Sie wohnte damals noch zu Hause, aber ihre Söhne hatten bereits eine Nachbarstochter zu ihrer Betreuung engagiert, die sich erst tagsüber und dann auch nachts um sie kümmerte.
Im letzten Jahr, bevor die Mutter ihnen endgültig entglitten und in jene Welt abgedriftet war, in der sie ihre letzten Lebensjahre zubrachte, hatte sie aufgehört zu beten. Ihr einst so heißgeliebter Rosenkranz war ebenso verschwunden wie das Kreuz auf dem Nachtkasten; und sie ging auch nicht mehr zur Messe, obwohl die junge Frau, die unter ihr wohnte, oft genug ihre Begleitung anbot.
»Heute nicht«, entgegnete die Mutter jedes Mal, wie um sich die Möglichkeit offenzulassen, morgen oder am übernächsten Tag doch mitzugehen. Sie blieb so lange bei dieser Antwort, bis erst die junge Frau und dann die Familie Bru-netti ihre Fragen einstellten. Was nicht hieß, dass ihnen ihr Zustand gleichgültig geworden wäre; sie resignierten nur vor den Begleiterscheinungen. Mit der Zeit bot ihr Verhalten immer mehr Anlass zur Besorgnis: An manchen Tagen erkannte sie ihre Söhne nicht, an anderen sehr wohl, und dann plauderte sie ganz unbefangen mit ihnen über ihre Nachbarn und deren Kinder. Allmählich aber verschob sich das Verhältnis, und die Tage, an denen sie ihre Söhne erkannte oder sich erinnerte, dass sie Nachbarn hatte, wurden immer seltener. An einem dieser letzten Tage, einem bitterkalten Wintertag vor sechs Jahren, hatte Brunetti sie am Spätnachmittag besucht. Es gab Tee und die Plätzchen, die sie am selben Morgen gebacken hatte, was allerdings purer Zufall war: Zwar hatte man ihr dreimal gesagt, dass er komme, aber es war ihr längst wieder entfallen.
Während sie beisammensaßen und an ihrem Tee nippten, beschrieb sie ein Paar Schuhe, das sie am Vortag in einem Schaufenster gesehen und gern gekauft hätte. Und obwohl Brunetti wusste, dass sie das Haus seit sechs Monaten nicht mehr verlassen hatte, bot er an, ihr die Schuhe zu besorgen, wenn sie ihm den Weg zu dem Laden beschreibe. Darauf warf sie ihm einen gequälten Blick zu, fing sich jedoch gleich wieder und antwortete, sie wolle lieber selbst hingehen und die Schuhe anprobieren, um sich zu vergewissern, ob sie auch passten.
Nach diesen Worten sah sie geflissentlich in ihre Teetasse, wie um ihre Gedächtnisschwäche zu überspielen. Und Brunetti hatte, um die Spannung zu lösen, aufs Geratewohl gefragt: »Sag mal, mamma, glaubst du eigentlich an den Himmel und das Leben nach dem Tod?«
Als sie die Augen zu ihrem jüngeren Sohn hob, fiel ihm auf, wie trüb die Iris geworden war. »Den Himmel?«, fragte sie zurück.
»Ja. Und Gott«, versetzte Brunetti. »Die ganzen Geschichten.«
Sie trank einen kleinen Schluck, beugte sich vor, um die Teetasse abzustellen, und straffte sich gleich darauf wieder. Sie saß immer kerzengerade, bis ganz zum Schluss. Dann lächelte sie, jenes Lächeln, das sie immer aufsetzte, wenn Guido eine seiner Fragen stellte, die so schwer zu beantworten waren. »Schön wäre es schon, meinst du nicht?«, entgegnete sie und bat ihn, ihr Tee nachzuschenken.

Aus dem Amerikanischen von Christa E. Seibicke

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Biographie:

Donna Leon, gebürtige Amerikanerin, lebt seit 1965 ständig im Ausland. Sie arbeitete u.a. als Reiseleiterin in Rom und als Werbetexterin in London. Seit 1981 wohnt und arbeitet sie in Venedig.

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