Casey, vermögend und glücklich verheiratet, wird das Opfer eines schrecklichen Autounfalls. Als sie im Krankenhaus wieder aufwacht, herrscht um sie herum Dunkelheit, sie kann sich nicht bewegen und nicht sprechen - aber sie hört alles, was geredet wird. Allmählich begreift sie, dass ihr Unfall ein gezielter Mordanschlag war. Und Casey weiß: der Mörder ist in ihrer Nähe - und hat noch nicht aufgegeben ... Hier ist nichts, wie es scheint: abgründiger, fesselnder und aus einer faszinierenden Perspektive erzählter Thriller. Joy Fielding knüpft an ihre besten Krimis wie »Lauf, Jane, lauf« an!
EAN:
9783442312047
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Weniger als eine Stunde bevor der Wagen sie mit einer Geschwindigkeit von achtzig
Stundenkilometern erfasste, drei Meter durch die Luft wirbelte, ihr sämtliche Knochen brach
und ihren Kopf auf dem Beton aufschlagen ließ, aß Casey Marshall noch mit ihren beiden
besten Freundinnen im Southwark, einem beliebten Nobel-Restaurant in South Philadelphia,
zu Mittag und ließ ihren Blick immer wieder aus dem eleganten, schmalen Speiseraum in den
wunderschönen abgeschlossenen Innenhof schweifen. Sie fragte sich, wie lange das
ungewöhnlich warme Märzwetter wohl noch andauern würde, ob ihr vor ihrem nächsten
Termin noch Zeit zum Joggen bliebe und ob sie Janine gestehen sollte, was sie wirklich von
ihrer neuen Frisur hielt. Sie hatte behauptet, sie gut zu finden, was gelogen war.
Bei dem Gedanken an die ersten warmen Frühlingstage musste Casey unwillkürlich lächeln,
und ihr Blick glitt über den Strauß riesiger, rosafarben leuchtender Pfingstrosen auf dem
Stillleben von Tony Scherman und wanderte von dort weiter zu dem prachtvollen
Mahagonitresen im vorderen Teil des Restaurants.
"Du hasst sie, oder?", hörte sie Janine fragen.
"Die Pfingstrosen?", fragte Casey, obwohl sie bezweifelte, dass Janine das Gemälde je zur
Kenntnis genommen hatte. Janine brüstete sich regelmäßig damit, ihre Umgebung gar nicht
wahrzunehmen, was sie allerdings nicht davon abzuhalten schien, für ihre gemeinsamen
Mittagessen immer nur die edelsten und teuersten Restaurants auszusuchen. "Ich finde sie
fantastisch."
"Meine Frisur. Du findest sie schrecklich."
"Ich finde sie nicht schrecklich."
"Aber zu streng."
Casey blickte direkt in Janines beinahe stechende blaue Augen, die einen ganzen Tick dunkler
waren als ihre eigenen. "Ein wenig, ja", räumte sie ein. Die harten Konturen des präzise
geschnittenen Bobs erdrückten Janines langes, schmales Gesicht und betonten ihr ohnehin
spitzes Kinn, vor allem in Kombination mit der pechschwarzen Tönung.
"Ich hatte die ewig gleiche Frisur einfach satt", erklärte Janine und sah ihre gemeinsame
Freundin Gail Bestätigung heischend an.
Gail, die Casey gegenüber auf Janines Seite des Tisches saß, nickte gefällig. "Nun, ein
bisschen Abwechslung kann bekanntlich nicht schaden", sagte sie fast zeitgleich mit Janine,
sodass die Sätze sich überlappten wie in einem Kanon.
"Ich meine, wir sind schließlich nicht mehr auf der Uni", fuhr Janine fort. "Wir sind über
dreißig. Man muss mit der Zeit gehen ..."
"Mit der Zeit gehen ist immer gut", kam das Echo von Gail.
"Es war einfach überfällig, diese Alice-im-Wunderland-Frisur abzulegen." Janines spitzer
Blick blieb an Caseys schulterlangen, naturblonden Haaren hängen.
"Ich mochte deine Haare lang", wandte Casey ein.
"Ich auch", stimmte Gail zu und strich sich ein paar fransige braune Locken hinters Ohr. Gail
hatte nie Probleme mit ihrer Frisur. Sie sah immer so aus, als hätte sie gerade in eine
Steckdose gefasst. "Aber so mag ich es auch", fügte sie hinzu.
"Nun ja, irgendwann ist es soweit: Zeit für etwas Neues! Sagst du das nicht immer?" Die
Frage war mit einem derart süßen Lächeln garniert, dass Casey nur mit Mühe entscheiden
konnte, ob sie gekränkt sein sollte oder nicht. Klar war auf jeden Fall, dass sie nicht mehr
über Frisuren redeten.
"Es ist vor allem Zeit für einen Kaffee", verkündete Gail und winkte dem Kellner.
Casey beschloss, Janines Anspielung zu überhören. Welchen Sinn hatte es, alte Wunden
aufzureißen? Stattdessen hielt sie dem gut aussehenden, dunkelhaarigen Kellner ihre
Porzellantasse hin und sah zu, wie die heiße, dunkelbraune Flüssigkeit aus der Tülle der
silbernen Kaffeekanne plätscherte. Casey wusste, dass Janine es nie ganz verwunden hatte,
dass sie ihre gemeinsam nach der Uni gegründete juristische Personalagentur verlassen hatte,
um etwas ganz Eigenes auf die Beine zu stellen, noch dazu in der völlig fremden Branche der
Innendekoration. Aber sie hatte sich eingeredet, dass Janine nach einem Jahr zumindest ihren
Frieden damit geschlossen hatte. Kompliziert wurde die Angelegenheit durch die Tatsache,
dass Caseys neue Firma von Beginn an floriert hatte, während Janines Unternehmen
stagnierte, was jeden geärgert hätte. "Es ist wirklich erstaunlich, wie alles, was du anfasst, zu
Gold wird", hatte Janine schon des Öfteren bemerkt, stets begleitet von jenem breiten
Lächeln, das über den leicht giftigen Unterton hinwegtäuschte, der Casey nicht entging.
Wahrscheinlich war es nur ihr eigenes schlechtes Gewissen, dachte sie jetzt, ohne recht zu
wissen, wofür sie sich schuldig fühlen sollte.
Sie trank einen großen Schluck Kaffee und spürte, wie er in der Kehle brannte. Sie und Janine
waren seit ihrem zweiten Studienjahr an der Brown University befreundet. Janine hatte gerade
von Jura zu englischer Literatur gewechselt, Casey studierte Englisch und Psychologie. Trotz
ihrer offensichtlich völlig gegensätzlichen Charaktere-Casey war eher zurückhaltend und
nachgiebig, Janine reizbar und extrovertiert - hatten sie sich auf Anhieb verstanden. Vielleicht
ein Fall von Gegensätzen, die sich anziehen. Jede meinte wohl, dass die andere etwas hatte,
was ihr selbst fehlte. Casey hatte nie lange über die Frage gegrübelt, was sie
zusammengebracht und warum ihre Freundschaft auch die zehn Jahre nach dem Examen
überdauert hatte, obwohl in der Zeit ziemlich viel passiert war-darunter Caseys Ausstieg aus
der gemeinsamen Firma und vor zwei Jahren ihre Hochzeit mit einem Mann, den Janine -
garniert mit dem obligaten strahlenden Lächeln-als "natürlich verdammt perfekt" bezeichnet
hatte.
Casey mochte Janine ganz einfach. Und genauso erging es ihr mit Gail, ihrer anderen besten
Freundin, die in fast jeder Hinsicht viel unkomplizierter war. Casey kannte Gail seit der
Grundschule, und obwohl das mehr als zwanzig Jahre zurücklag, war Gail im Grunde
dasselbe arglose nette Mädchen geblieben, das sie immer gewesen war. Bei Gail wusste man
immer, woran man war. Sie hatte mit ihren zweiunddreißig Jahren schon ziemlich viel
durchgemacht, aber immer noch ein Kichern wie ein schüchterner Teenager. Manchmal
kicherte sie sogar mitten im Satz, eine ebenso irritierende wie liebenswerte Marotte. Casey
dachte immer, dass es die akustische Entsprechung der Geste war, mit der ein junger Hund
sich auf den Rücken warf, um sich den Bauch kraulen zu lassen.
Im Gegensatz zu Janine gab es bei Gail kein Vortäuschen, keine Hintergedanken und auch
keine besonders tiefschürfenden Einsichten. Meistens hörte sie sich erst einmal an, was die
anderen zu sagen hatten, bevor sie sich zu irgendetwas äußerte.
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Joy Fielding gehört zu den Spitzenautorinnen Amerikas. Alle ihre Bücher waren Bestseller, und mit dem Psychothriller »Lauf, Jane, lauf!« gelang ihr der große internationale Durchbruch. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Toronto, Kanada und Palm Beach, Florida.