Kuscheln Sie sich in eine Decke, gönnen Sie sich eine warme Tasse Kakao und genießen Sie wunderbare Lesestunden mit diesem zauberhaften und berührenden Roman! Lou ist ein »BMW«, ein Beschäftigter Wichtiger Mann. So vergisst er den 70. Geburtstag seines Vaters, betrügt seine Frau leichthin und hat seinem Sohn nie die Windeln gewechselt. Eines Tages verwickelt ihn ein Obdachloser namens Gabriel in ein Gespräch. Lou fühlt sich dem Unbekannten seltsam verbunden und verschafft ihm einen Job. Doch auch Gabriel hat etwas für Lou: ein Mittel, das Lous Weltbild auf den Kopf stellt ...
EAN:
9783810501462
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1.Jede Menge Geheimnisse
Wer früh am Weihnachtsmorgen an der Zuckerstangen- Fassade einer Vorstadtsiedlung
entlangschlendert, kann wohl kaum umhin wahrzunehmen, wie sehr die Häuser mit ihrem
Schmuck und Geglitzer den Päckchen ähneln, die hübsch eingepackt unter den
Weihnachtsbäumen drinnen in den Wohnzimmern liegen: Hier wie dort verbergen sich
Geheimnisse. So wie man versucht ist, am Geschenkpapier herumzuzupfen und die Päckchen
zu schütteln, würde man am liebsten durch den Spalt zwischen den Vorhängen schauen und
einen Blick auf die Familie beim Bescheren erhaschen-ein eingefangener Moment, der
neugierigen Blicken sonst verborgen bleibt. In der sanften, geheimnisvollen Stille, die es nur
an diesem einen Morgen im Jahr gibt, stehen die Häuser für die Augen der Welt draußen da
wie bemalte Zinnsoldaten: Schulter an Schulter, mit geschwellter Brust und eingezogenem
Bauch schützen sie stolz das, was sich darin befindet.
Häuser am Weihnachtsmorgen sind Schatztruhen versteckter Wahrheiten-ein Kranz an der
Tür wie ein auf die Lippen gelegter Finger, heruntergelassene Jalousien wie geschlossene
Augenlider. Irgendwann, zu einem nicht genauer definierbaren Zeitpunkt, dringt durch die
Jalousien und zugezogenen Vorhänge ein warmer Glanz nach 8 draußen, der Hauch einer
Ahnung, dass drinnen etwas geschieht. Wie Sterne am dunklen Nachthimmel, die fürs bloße
Auge einer nach dem anderen sichtbar werden, wie die winzigen Goldstückchen, die zum
Vorschein kommen, wenn die Flusskiesel abgesiebt werden, so gehen auch im Halblicht der
Morgendämmerung hinter den Jalousien und Vorhängen die Lichter an. Und wie der Himmel
schließlich im vollen Glanz der Sterne erstrahlt, so beginnt die Straße zu erwachen, Zimmer
für Zimmer, Haus für Haus.
Am Weihnachtsmorgen senkt sich eine Atmosphäre tiefer Stille über die Welt draußen. Doch
die leeren Straßen machen keine Angst, ganz im Gegenteil. Sie sind ein Inbild von Frieden
und Sicherheit, und trotz der Kälte liegt gleichzeitig Wärme in der Luft. Aus vielerlei
Gründen verbringen Familien diesen Tag des Jahres lieber im Haus, denn draußen ist es trüb,
während sich drinnen eine Welt strahlender Farben entfaltet, in der mit solcher Inbrunst das
Geschenkpapier aufgerissen wird, dass die bunt schillernden Bänder, die zuvor alles
zusammengehalten haben, wie im Rausch zu Boden schweben. Weihnachtsmusik und
festliche Düfte erfüllen die Luft, Zimt, Gewürze und alle möglichen anderen Wohlgerüche.
Überall kommt es zu spontanen Ausbrüchen von Freude, Zuneigung und Dankbarkeit, bunt
und unberechenbar wie losgelassene Papierschlangen. Die Weihnachtstage sind Drinnen-
Tage, keine Menschenseele treibt sich freiwillig draußen herum, alle scheinen ein Dach über
dem Kopf zu haben.
Nur die Leute, die von einem Haus in ein anderes unterwegs sind, bevölkern spärlich die
Straßen. Autos fahren vor und werden ausgeladen. Aus weit geöffneten Haustüren dringen
Begrüßungsworte in die Kälte hinaus, kurze Kostproben von dem, was drinnen vor sich geht.
Und während 9 man noch dabei ist, alles in sich aufzunehmen, und sich mit dem Gefühl, man
wäre hier ebenfalls eingeladen, bereitmacht, als fremder, aber dennoch gerngesehener Gast
über die Schwelle zu treten, da schließt sich plötzlich die Haustür und versperrt den Zutritt
zum Rest des festlichen Tages-wie eine eindringliche Erinnerung daran, dass nur die
Eingeweihten dort drinnen diesen Augenblick für sich in Anspruch nehmen dürfen.
In genau dieser Gegend mit ihren Spielzeughäuschen wandert eine einzige Seele einsam
durch die Straßen. Diese Seele sieht die Schönheit der geheimnisvollen Häuserwelt nicht,
nein, diese Seele hat es auf eine Auseinandersetzung abgesehen, sie möchte die Schleife lösen
und das bunte Papier wegreißen, sie möchte allen zeigen, was sich hinter der Tür mit der
Nummer vierundzwanzig verbirgt.
Für uns hat es keinerlei Bedeutung, womit die Bewohner des Hauses mit der Nummer
vierundzwanzig beschäftigt sind, aber wenn ihr es unbedingt wissen wollt: In diesem
Augenblick greift ein zehnmonatiges Baby, etwas verwirrt von dem grünen, blinkenden,
großen Gegenstand in der Zimmerecke, der furchtbar piekst, wenn man ihn anfasst, zögernd
nach der glänzenden roten Kugel, in der sich seltsam verzerrt eine vertraute Patschhand und
ein zahnloser Mund spiegeln. Derweil rollt eine Zweijährige wohlig im überall
herumliegenden Geschenkpapier herum, badet im Geglitzer wie ein Nilpferd im Schlamm.
Neben ihnen jedoch legt er eine Kette aus glitzernden Diamanten um ihren Hals. Ihr bleibt
fast die Luft weg, sie presst die Hand auf die Brust und schüttelt ungläubig den Kopf, wie
man es manchmal bei Frauen in alten Schwarzweißfilmen sieht. Nichts von alldem ist wichtig
für unsere Geschichte, aber für den Menschen, der im Vorgarten des Hauses mit 10 der
Nummer vierundzwanzig steht und auf die zugezogenen Wohnzimmervorhänge starrt,
bedeutet es eine Menge. Er ist vierzehn Jahre alt, und ein Dolch steckt tief in seinem Herzen.
Was dort drinnen vor sich geht, kann er nicht sehen, aber seine Phantasie ist übersättigt von
den Tränen, die seine Mutter tagsüber weint. Deshalb kann er es erraten.
Er hebt die Arme über den Kopf, holt kräftig aus und schleudert das Objekt, das er in den
Händen hält, in Richtung der zugezogenen Vorhänge. Dann schaut er mit bitterer Freude zu,
wie der fünfzehn Pfund schwere gefrorene Truthahn durch das Fenster von Nummer
vierundzwanzig kracht. Die zugezogenen Vorhänge funktionieren einmal mehr als Barriere
zwischen ihm und denen dort drinnen, bremsen den Flug des Vogels durch die Luft, doch sie
können ihn nicht mehr aufhalten, und er landet, leblos, aber rasant-samt Innereien-auf dem
Holzfußboden, schlittert und kreiselt ein paar Mal und kommt schließlich direkt unter dem
Weihnachtsbaum zur Ruhe. Das Geschenk des Jungen draußen für diese Menschen da
drinnen.
Auch Menschen haben ihre Geheimnisse, ebenso wie Häuser. Manchmal leben die
Geheimnisse in den Menschen, manchmal leben die Menschen in ihren Geheimnissen. Die
Arme eng um ihre Geheimnisse geschlungen, verbiegen sich die Menschen ihre Zungen an
der Wahrheit. Aber die Zeit vergeht, und irgendwann gewinnt die Wahrheit doch die
Oberhand. Sie dreht und windet sich, sie wächst so lange an, bis die geschwollene Zunge sie
nicht mehr einwickeln kann und endlich die Worte ausspucken muss. Dann fliegt auch die
Wahrheit durch die Luft und landet krachend in der Welt. Wahrheit und Zeit arbeiten immer
zusammen. 11 In dieser Geschichte geht es um Menschen, um Geheimnisse und um Zeit. Es
geht um Menschen, die, ganz ähnlich wie hübsch eingepackte Geschenke, ihre Geheimnisse
verbergen, um Menschen, die sich eine Schutzschicht nach der anderen zulegen, damit
niemand sie sehen kann. Bis so ein Mensch irgendwann der richtigen Person begegnet, der
Person, die das sieht, was sich unter all den Schichten verbirgt. Manchmal muss man sich
jemandem schenken, um zu erfahren, wer man ist. Und manchmal muss man etwas Stück für
Stück auspacken, um zum Kern vorzudringen. Diese Geschichte handelt von einem
Menschen, der herausfindet, wer er ist. Von einem Menschen, der Schicht für Schicht von
seiner Schutzhülle befreit wird, bis das Wesentliche sich zeigt-sichtbar für alle, die wichtig
sind. Und alle, die wichtig sind, werden auch für diesen Menschen sichtbar. Gerade noch
rechtzeitig.
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Cecelia Ahern, geboren 1981, ist die Tochter des irischen Ministerpräsidenten. Sie studierte Film in Dublin und schrieb schon als Kind Geschichten. Ihr erster Roman ?P.S. Ich liebe Dich? erschien in dreißig Ländern und wurde ein Millionenbestseller. Danach folgten die Weltbestseller »Für immer vielleicht« und »Zwischen Himmel und Liebe«. Cecelia Ahern lebt in Dublin.