Fakt:
Im Jahre 1991 wurde ein Dokument im Safe des CIA-Direktors verschlossen. Dieses
Dokument befindet sich heute noch dort. Sein kryptischer Text enthält Hinweise auf ein altes
Portal und einen unbekannten Ort im Untergrund. Außerdem enthält das Schriftstück den
Satz: "Es liegt irgendwo dort draußen vergraben."
Die Organisationen, die in diesem Roman eine Rolle spielen, existieren tatsächlich,
einschließlich der Freimaurer, des Unsichtbaren Collegiums, des SMSC und des Instituts für
Noetische Wissenschaften. Sämtliche Rituale, die geschildert werden, sind authentisch, und
die aufgeführten wissenschaftlichen Fakten entsprechen den Tatsachen.
Die im Roman genannten Kunstwerke und Monumente sind real.
PROLOG
Haus des Tempels
20.33 Uhr
Im Sterben liegt das Geheimnis.
So war es seit Anbeginn der Zeit.
Der vierunddreißigjährige Anwärter blickte auf den menschlichen Schädel, den er in Händen
hielt. Der Totenkopf war hohl wie eine Schale und gefüllt mit blutrotem Wein.
Trink, sagte er sich. Du hast nichts zu befürchten.
Wie die Tradition es verlangte, hatte er seine Reise im rituellen Gewand eines
mittelalterlichen Ketzers angetreten, der zum Galgen geführt wird, mit weit aufklaffendem
Hemd, sodass die blasse Brust zu sehen war; das linke Hosenbein bis zum Knie aufgerollt,
der rechte Ärmel bis zum Ellbogen. Um seinen Hals hatte eine schwere geknüpfte Schlinge
gelegen - ein "Kabeltau", wie die Brüder es nannten. Heute jedoch trug der Anwärter -
ebenso wie die Bruderschaft, die das Geschehen bezeugte -, die Kleidung eines Meisters.
Die versammelten Brüder, die den Anwärter umstanden, waren in vollem Ornat angetan:
Schurz, Schärpe und weiße Handschuhe. Um den Hals trugen sie Bijous, zeremonielle
Schmuckabzeichen, die in dem gedämpften Licht wie geisterhafte Augen funkelten. Viele
dieser Männer hatten außerhalb der Loge bedeutende Ämter und Machtpositionen inne, und
doch wusste der Anwärter, dass ihr weltlicher Rang innerhalb dieser Mauern nichts
bedeutete. Hier waren alle gleich - eine verschworene Gemeinschaft, vereint durch ein
mystisches Band.
Als der Blick des Anwärters über die beeindruckende Versammlung schweifte, fragte er sich,
wer in der Welt außerhalb des Tempels wohl glauben würde, dass eine solche Gruppe von
Männern tatsächlich zusammenkam - zumal an einem Ort wie diesem, der wie ein antikes
Heiligtum aus einer versunkenen Welt erschien.
Die Wahrheit jedoch war noch unglaublicher.
Ich bin nur ein paar Hundert Meter vom Weißen Haus entfernt.
Dieses machtvolle Gebäude an der Sechzehnten Straße NW, Nr. 1733, in Washington, D.C.,
war die Nachbildung eines vorchristlichen Heiligtums, des Tempels König Mausolos II., des
ursprünglichen Mausoleums - ein Tempel der Toten. Vor dem Haupteingang bewachten
zwei siebzehn Tonnen schwere Sphingen das bronzene Portal. Das Innere war ein reich
verziertes Labyrinth von Ritualkammern, Sälen, verschlossenen Räumen und Bibliotheken;
eine hohle Wand barg die Überreste zweier menschlicher Körper. Jede der Kammern und
jeder der Säle in diesem Gebäude enthielte ein Geheimnis, hatte man dem Anwärter
anvertraut.
Die größten Mysterien jedoch barg jener riesige Saal, in dem er nun kniete, den
Totenschädel in den Händen. Der Tempelsaal.
Dieser Saal war von quadratischem Grundriss - die vollkommene Form - und hatte
gewaltige Ausmaße. Die Decke, gestützt von monolithischen Säulen aus grünem Granit,
befand sich hundert Fuß über dem Boden. Eine mehrstufige Galerie mit dunklem Gestühl
aus russischem Walnussholz und Schweinsleder, von Hand punziert, erstreckte sich an den
Wänden. Ein dreiunddreißig Fuß hoher Thron beherrschte die westliche Wand; auf der
gegenüberliegenden Seite erhob sich eine verdeckte Orgel. Die Wände waren ein
Kaleidoskop uralter Symbole - ägyptische und hebräische Zeichen, astronomische und
alchemistische Symbole sowie Darstellungen noch unbekannter Natur.
Am heutigen Abend wurde der Tempelsaal von einer Reihe genau ausgerichteter Kerzen
erhellt. Ihr matter Schein vermischte sich mit einem bleichen Lichtstrahl, der durch die
polygonale Kuppel in der Mitte der Decke in den Tempelraum fiel und dessen
eindrucksvollstes Element beleuchtete, einen mächtigen Altar aus poliertem schwarzem
Marmor, der genau im Zentrum des Saales stand.
Im Sterben liegt das Geheimnis, rief der Anwärter sich ins Gedächtnis.
"Es ist Zeit", flüsterte eine Stimme.
Der Anwärter richtete den Blick auf die ehrwürdige, weiß gekleidete Gestalt, die vor ihm
stand. Der oberste Meister vom Stuhl. Dieser Mann, Ende fünfzig und mit silbergrauem Haar,
war eine amerikanische Ikone - beliebt, bodenständig und unermesslich reich. Auf seinen
Gesichtszügen, die in den Vereinigten Staaten jeder kannte, spiegelten sich ein Leben voller
Macht und ein kraftvoller Geist.
"Sprechen Sie den Eid", sagte der Meister vom Stuhl, und seine Stimme war weich und sanft
wie Schnee, der zu Boden rieselt. "Vollenden Sie Ihre Reise."
Die Reise des Anwärters hatte mit dem ersten Grad begonnen, wie alle derartigen Reisen.
Damals, bei einem ähnlichen abendlichen Ritual wie diesem, hatte der Meister vom Stuhl
ihm mit einer samtenen Binde die Augen verbunden, hatte ihm einen zeremoniellen Degen
an die bloße Brust gehalten und ihm die Frage gestellt: "Erklären Sie aufrichtig bei Ihrer
Ehre, unbeeinflusst von Gewinnstreben oder anderen unwürdigen Motiven, dass Sie aus
freiem Entschluss und Willen Aufnahme in diese Bruderschaft begehren?"
"Ja", hatte der Suchende gelogen.
"Dann möge dies ein Stich für Ihr Gewissen sein", hatte der Meister ihn gewarnt, "und
desgleichen sofortiger Tod, sollten Sie je die Geheimnisse verraten, die man Ihnen
anvertrauen wird."
Damals hatte er keine Furcht verspürt. Sie werden meine wahre Absicht nie erkennen.
Am heutigen Abend jedoch glaubte er eine düstere, bedrohliche Stimmung im Tempelsaal
wahrzunehmen, einen ahnungsvollen Ernst. Schaudernd musste er an die grausamen
Strafen denken, die ihm auf seiner bisherigen Reise angedroht worden waren für den Fall,
dass er eines der uralten Geheimnisse verriet, die man ihm anvertraut hatte:
Der Hals durchschnitten von Ohr zu Ohr ...
die Zunge bei der Wurzel ausgerissen ...
die
Eingeweide herausgerissen und verbrannt ...
in die vier Winde des Himmels zerstreut ... das
Herz aus der Brust gerissen und streunenden Tieren zum Fraß vorgeworfen ...
"Bruder", sagte der grauäugige Meister und legte dem Anwärter die linke Hand auf die
Schulter. "Sprechen Sie den letzten Eid."
Der Anwärter wappnete sich für den abschließenden Schritt seiner Reise, straffte seine
kräftige Gestalt und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Totenkopf zu, den er noch
immer in Händen hielt. Der rote Wein in der Schädelhöhle sah im matten Kerzenlicht fast
schwarz aus. Tiefes Schweigen hatte sich über den Tempelsaal gesenkt. Der Anwärter
spürte beinahe körperlich, wie die aufmerksamen Blicke sämtlicher Zeugen auf ihm ruhten,
wie sie darauf warteten, dass er den letzten Eid ablegte und sich ihren Reihen hinzugesellte,
den Reihen der Auserwählten.
Heute Abend, ging es ihm durch den Kopf, wird in diesen Mauern etwas geschehen, was es
in der Geschichte dieser Bruderschaft noch nie gegeben hat, nicht ein einziges Mal in all den
Jahrhunderten ...
Er wusste, es würde der entscheidende Funke sein, und es würde ihm unermessliche Macht
verleihen.
Mit neuem Mut holte er tief Atem und sprach laut dieselben Worte, die zahllose Männer vor
ihm in allen Ländern der Erde gesprochen hatten:
"Möge dieser Wein, den ich nun trinke, mir ein tödliches Gift werden ...
sollte ich je
wissentlich oder willentlich meinen Eid verletzen."
Seine Worte hallten von den hohen Wänden wider. Dann breitete sich tiefe Stille aus.
Mit ruhigen Händen hob der Anwärter den Schädel an den Mund und spürte, wie seine
Lippen das trockene Gebein berührten. Er schloss die Augen, hob den Schädel an und trank
in langen, tiefen Schlucken. Als der letzte Tropfen getrunken war, ließ er den Totenschädel
sinken ...
... und bekam einen Augenblick lang keine Luft mehr, während sein Herz wild zu pochen
begann und seine Hände zitterten. Für einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen.
Mein Gott, sie wissen Bescheid!
Dann schwand das beängstigende Gefühl so schnell, wie es gekommen war.
Eine angenehme Wärme durchströmte den Körper des Anwärters. Er atmete aus und
lächelte in sich hinein, als er zu dem grauäugigen Mann aufblickte, der so arglos gewesen
war, ihn in die allergeheimsten Ränge der Bruderschaft aufzunehmen.
Bald wirst du alles verlieren, was dir lieb und wert ist.
Kapitel 1
In dem Otis-Aufzug, der an der Südseite des Eiffelturms hinauffuhr, drängten sich die
Touristen. In der beengten Kabine blickte ein seriös gekleideter Herr auf den Jungen neben
ihm hinunter. "Du siehst blass aus. Du hättest lieber unten bleiben sollen."
"Ach, mir geht's gut ...", antwortete der Junge, bemüht, seine Angst in den Griff zu
bekommen. "Ich steig auf der nächsten Etage aus."
Der Mann beugte sich tiefer zu dem Jungen. "Ich dachte, du hättest deine Angst
überwunden." Er strich dem Kind zärtlich über die Wange.
Der Junge schämte sich, weil er seinen Vater enttäuscht hatte, doch durch das Klingeln in
seinen Ohren konnte er kaum etwas hören.
Ich krieg keine Luft. Ich muss hier raus!
Der Fahrstuhlführer sagte irgendetwas Beruhigendes über Pendelschaftkolben und
Puddeleisenkonstruktion, doch der Junge blickte voller Furcht auf die Straßen von Paris, die
sich tief unter ihnen in sämtliche Richtungen erstreckten.
Wir sind fast da, sagte er sich im Stillen, legte den Kopf in den Nacken und blickte hinauf zur
Ausstiegsplattform. Halt durch!
Als die Kabine sich steil auf die obere Aussichtsplattform zu bewegte, verengte sich der
Schacht. Die massiven Stützen wuchsen zu einem engen, senkrecht in die Höhe führenden
Tunnel zusammen. "Dad, ich glaub nicht ..."
Plötzlich ein Knall. Noch einer. Und noch einer. Der Aufzug ruckte, neigte sich gefährlich zur
Seite. Zerrissene Kabel peitschten um die Kabine, wild zuckend wie gereizte Schlangen. Der
Junge griff Hilfe suchend nach der Hand seines Vaters.
"Dad!"
Ihre Blicke trafen sich eine Schrecksekunde lang.
Dann sackte der Fußboden unter ihren Füßen weg, und der Lift schoss in die Tiefe ...
Mit einem Ruck schreckte Robert Langdon in seinem weichen Ledersitz aus dem
Halbdämmern seines Tagtraums. Er saß ganz allein im großzügig bemessenen
Passagierraum eines Falcon- 2000EX-Firmenjets, der soeben von Turbulenzen
durchgeschüttelt wurde. Im Hintergrund summten im Gleichklang die zwei Pratt-&-Whitney-
Triebwerke.
"Mr. Langdon?" Der Lautsprecher in der Decke knisterte.
"Wir setzen jetzt zur Landung an."
Langdon richtete sich auf und schob seine Vortragsnotizen zurück in die lederne
Umhängetasche. Er war mit einer Rekapitulation freimaurerischer Symbolik beschäftigt
gewesen, als seine Gedanken abgedriftet waren. Der Traum über seinen verstorbenen Vater
war, so vermutete er, auf die unerwartete Einladung durch seinen langjährigen Mentor Peter
Solomon zurückzuführen.
Der andere Mann, den ich niemals enttäuschen will.
Der achtundfünfzigjährige Philanthrop, Historiker und Wissenschaftler hatte Langdon vor
nahezu dreißig Jahren unter seine Fittiche genommen und damit in mancher Hinsicht die
Leere gefüllt, die nach dem Tod von Langdons Vater entstanden war. Wenngleich Solomon
einer einflussreichen Familiendynastie angehörte und über immensen Reichtun verfügte,
hatte Langdon in den sanften grauen Augen dieses Mannes Demut und Wärme gefunden.
Draußen war die Sonne bereits untergegangen, doch durch das Fenster konnte Langdon
noch die schlanke Silhouette des größten Obelisken der Welt ausmachen, der wie der Zeiger
einer riesigen Sonnenuhr am Horizont aufragte. Das 555 Fuß hohe Monument markierte das
Herz der Nation. Um den Obelisken herum erstreckten sich die geometrischen Kraftlinien der
Straßen und Bauwerke der Stadt.
Selbst aus der Luft strahlte Washington, D.C., eine beinahe mystische Macht aus.
Langdon liebte diese Stadt. Als der Jet auf der Landebahn aufsetzte, spürte er eine
wachsende Erregung bei dem Gedanken daran, was vor ihm lag. Die Maschine rollte zu
einem privaten Terminal auf der weiten Fläche des Dulles International Airport und kam zum
Stehen.
Langdon packte seine Sachen, dankte den Piloten und trat aus dem luxuriösen Innern des
Falcon hinaus auf die Gangway. Die kalte Januarluft war eine Wohltat.
Tief durchatmen, Robert, sagte er sich, erleichtert über die Weite der Umgebung.
Eine weiße Nebeldecke wogte über dem Boden. Langdon hatte das Gefühl, sich einem
Sumpf zu nähern, als er zum nebligen Asphalt hinunterstieg.
"Hallo!", rief eine singende Stimme mit britischem Akzent. "Hallo! Professor Langdon?"
Langdon blickte auf und sah eine Frau mittleren Alters mit einem Abzeichen und einem
Klemmbrett auf ihn zueilen, wobei sie freudig winkte. Lockiges blondes Haar lugte unter
einer modischen Strickmütze hervor.
"Willkommen in Washington, Sir."
Langdon lächelte. "Vielen Dank."
"Mein Name ist Pam, Sir, vom Passagierservice!" Die Frau sprach mit einem Überschwang,
der fast schon auf die Nerven ging. "Wenn Sie bitte mit mir kommen wollen, Sir, Ihr Wagen
steht bereit."
Langdon folgte ihr über die Rollbahn zum Signature-Terminal, der von funkelnden Privatjets
umgeben war. Ein Taxistand für die Reichen und Berühmten.
"Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen lästig falle, Professor", sagte die Frau, "aber sind Sie der
Robert Langdon, der die Bücher über Symbole und Religion schreibt?"
Langdon zögerte und nickte dann.
"Hab ich's mir doch gedacht!", verkündete sie strahlend.
"Mein Lesekreis hat Ihr Buch über das göttlich Weibliche und die Kirche gelesen! Hat ja für
einen schönen Skandal gesorgt! Es macht Ihnen wohl Spaß, den Fuchs im Hühnerstall zu
spielen?"
Langdon lächelte. "Das war nie meine Absicht."
Die Frau schien zu spüren, dass Langdon nicht in der Stimmung war, über sein Werk zu
diskutieren. "Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht vollquatschen. Ich kann mir denken, dass
Sie es leid sind, erkannt zu werden ... aber das ist ja Ihre eigene Schuld." Neckisch wies sie
auf seine Kleidung. "Ihre Uniform hat Sie verraten."
Meine Uniform? Langdon blickte an sich hinunter. Er trug seinen gewohnten
anthrazitfarbenen Rollkragenpullover, ein Harris-Tweed-Jackett, eine Khakihose und
Halbschuhe aus Korduanleder - seine übliche Kleidung für den Hörsaal, Vortragsreisen,
Autorenfotos und gesellschaftliche Anlässe. Die Frau lachte. "Ihr Rolli ist völlig aus der Mode.
Außerdem würde eine Krawatte Ihnen viel besser stehen!"
Nur über meine Leiche, dachte Langdon. Bloß kein Galgenstrick.
In der Phillips Exeter Academy, die er besucht hatte, waren Krawatten Pflicht gewesen, und
trotz der romantischen Vorstellungen des Direktors, der Urspung dieser Halszierde ginge auf
die seidenen fascalia zurück, die von römischen Rednern getragen wurden, um ihre
Stimmbänder zu wärmen, wusste Langdon, dass das Wort Krawatte sich etymologisch von
einer brutalen Bande "kroatischer" Söldner herleitete, die sich Halstücher umgeknüpft hatten,
bevor sie in die Schlacht gestürmt waren. Bis heute wurde diese alte Kriegstracht Tag für
Tag von modernen Bürokriegern angelegt, um ihre Feinde beim Kampf an den
Konferenztischen einzuschüchtern.
"Vielen Dank für den Hinweis", sagte Langdon mit einem Glucksen. "Ich werde es mir für die
Zukunft merken."
Zum Glück stieg in diesem Augenblick ein elegant gekleideter Mann in dunklem Anzug aus
einem funkelnden Lincoln Town Car, der nahe dem Terminal parkte, und hob den Finger.
"Mr. Langdon? Ich bin Charles von Beltway Limousine." Er öffnete die hintere Beifahrertür.
"Guten Abend, Sir. Willkommen in Washington."
Langdon drückte Pam für ihre Freundlichkeit ein Trinkgeld in die Hand und stieg ins feudale
Innere des Town Car. Der Fahrer zeigte ihm den Temperaturregler, die
Mineralwasserflaschen und das Körbchen mit heißen Muffins. Sekunden später rauschte
Langdon auf einer privaten Zufahrtsstraße davon. Schön, mal wieder wie einer von den
oberen Zehntausend zu leben.
Als der Fahrer den Wagen den Windsock Drive hinauf beschleunigte, konsultierte er seinen
Auftragszettel und tätigte einen kurzen Anruf. "Hier Beltway Limousine", sagte er in
geschäftsmäßigem Tonfall. "Ich sollte bestätigen, dass mein Passagier gelandet ist ..."
Er
machte eine Pause.
"Ja, Sir. Ihr Gast, Mr. Langdon, ist angekommen. Ich setze ihn um neunzehn Uhr am Capitol
Building ab. Gern geschehen, Sir."
Langdon konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Nichts dem Zufall überlassen. Peter Solomons Aufmerksamkeit fürs Detail war eine seiner
größten Stärken; nur sie machte es ihm möglich, seine nicht unwesentliche Macht mit
scheinbarer Mühelosigkeit auszuüben. Ein paar Milliarden Dollar auf der Bank schaden
dabei auch nicht.
Langdon ließ sich in den weichen Ledersitz sinken und schloss die Augen, als die
Geräusche des Flughafens hinter ihm verklangen. Das U.S. Capitol war eine halbe Stunde
entfernt, und er war froh, dass ihm ein wenig Zeit blieb, seine Gedanken zu ordnen. Alles
war heute so schnell gegangen, dass er erst jetzt in Ruhe über den unglaublichen Abend
nachdenken konnte, der vor ihm lag.
Ankunft unter dem Schleier der Geheimhaltung, ging es ihm durch den Kopf. Die Vorstellung
erheiterte ihn.
Zehn Meilen vom Capitol Building entfernt traf eine einsame Gestalt ungeduldig die letzten
Vorbereitungen für Robert Langdons Ankunft
Kapitel 2
Der Mann, der sich Mal'akh nannte, drückte die Nadel gegen seinen rasierten Kopf und
seufzte vor Befriedigung, als die scharfe Spitze rhythmisch in sein Fleisch stach. Das leise
Summen des elektrischen Werkzeugs machte süchtig ... so wie der Stich der Nadel, die sich
in seine Dermis bohrte und dort ihre Farbpartikel hinterließ.
Ich bin ein Meisterwerk
Das Ziel des Tätowierens war niemals Schönheit. Das Ziel war Veränderung. Von den
narbengeschmückten nubischen Priestern des dritten Jahrtausends vor Christus über die
tätowierten Akolythen des Kybele-Kults im alten Rom bis hinzu den der modernen Maori mit
ihren Moko-Narben hatten Menschen die Tätowierung als einen Weg betrachtet, ihren
Körper als partielles Opfer darzubieten, den physischen Schmerz der Prozedur zu erdulden
und als veränderte Wesen daraus hervorzugehen.
Trotz des ominösen Gebots in Levitikus 19, Vers 28, sich keine Zeichen auf dem Körper
einritzen zu lassen, waren Tattoos für Millionen von Menschen im modernen Zeitalter
Mutprobe und Ritus zugleich geworden - für adrette Teenager über verdreckte Junkies bis
hin zu gelangweilten Hausfrauen.
Der Akt des Sich-Tätowieren-Lassens war eine machtvolle Transformation und zugleich eine
Verkündigung an die Welt:
Siehe, ich beherrsche mein eigenes Fleisch. Das berauschende Gefühl der Kontrolle, das
sich aus der physischen Verändung speiste, hatte Millionen süchtig gemacht nach
Modifikationen des eigenen Körpers: kosmetische Chirurgie, Piercing und Branding,
Bodybuilding und Steroide, selbst Bulimie und Geschlechtsumwandlung. Der menschliche
Geist verlangt nach Herrschaft über seine fleischliche Hülle.
Ein Glockenschlag ertönte von Mal'akhs Standuhr, und er blickte auf. Halb sieben. Er legte
das Tätowierwerkzeug beiseite, hüllte den nackten, ein Meter neunzig großen Körper in eine
Baderobe aus japanischer Seide und trat auf den Flur hinaus. Die Luft in dem großräumigen
Wohnhaus war geschwängert vom beißenden Geruch der Tätowierfarbe und dem Rauch der
Bienenwachskerzen, mit denen er seine Nadeln sterilisierte. Vorbei an wertvollen
italienischen Antiquitäten - einer Radierung von Piranesi, einem Savonarolastuhl, einer
silbernen Bugarini-Öllampe - ging der hoch gewachsene junge Mann über den Flur.
Im Vorübergehen warf er einen Blick durch ein wandhohes Fenster und bewunderte die
klassische Skyline in der Ferne. Die angestrahlte Kuppel des Kapitols hob sich machtvoll
gegen den dunklen Winterhimmel ab.
Das ist der Ort des Geheimnisses, überlegte er. Irgendwo dort draußen liegt es begraben.
Wenige Menschen wussten überhaupt von seiner Existenz ... und noch weniger kannten
seine beeindruckende Macht oder wussten, auf welch raffinierte Art und Weise es versteckt
worden war. Bis heute blieb es das größte unerforschte Rätsel des Landes. Die Wenigen,
die die Wahrheit kannten, hielten sie hinter einem Schleier von Symbolen, Legenden und
Allegorien verborgen.
Jetzt haben sie ihre Türen für mich geöffnet, dachte Mal'akh.
Vor drei Wochen war er in einem dunklen Ritual in Anwesenheit einiger der einflussreichsten
Männer Amerikas in den dreiunddreißigsten Grad erhoben worden, die höchste Stufe der
ältesten noch existierenden Bruderschaft der Welt. Trotz Mal'akhs neuen Rangs hatten die
Brüder ihm nichts erzählt. Und das werden sie auch nicht, dachte er. So funktionierte das
nicht. Es gab Kreise innerhalb voKreisen ... Bruderschaften innerhalb von Bruderschaften.
Selbst wenn Mal'akh Jahre wartete, würde er vielleicht nie ihr letztes Vertrauen gewinnen.
Zum Glück brauchte er ihr Vertrauen nicht, um an ihr tiefstes Geheimnis zu gelangen.
Meine Erhebung hat ihren Zweck erfüllt.
Nun ging er auf das Schlafzimmer zu, angespornt von dem, was vor ihm lag. In seinem
ganzen Haus drangen aus deLautsprechern betörende Klänge: die seltene Aufnahme einer
Kastratenstimme, die das "Lux Aeterna" aus dem Verdi- Requiem sang - eine Erinnerung an
ein früheres Leben. Mal'akh drückte auf eine Fernbedienung, um zu dem majestätischen
"Dies Irae" zu gelangen. Begleitet von donnernden Pauken und parallelen Quinten sprang er
sodann die breite Marmortreppe hinauf, dass die Robe sich um seine muskulösen Beine
bauschte.
Während er rannte, knurrte protestierend sein leerer Magen. Seit zwei Tagen nun hatte
Mal'akh gefastet, hatte nur Wasser getrunken und nichts gegessen, um seinen Körper
gemäß den alten Vorschriften bereit zu machen. Bei Sonnenaufgang wird dein Hunger
gestillt werden, sagte er sich. Und auch dein Schmerz.
Mal'akh betrat das Allerheiligste seines Schlafgemachs und schloss hinter sich die Tür. Als
er zu seinem Ankleidebereich schritt, hielt er inne, hingezogen zu dem riesigen, von einem
Goldrahmen eingefassten Spiegel. Er konnte der Versuchung nicht wiederstehen, sich
umzuwenden, um sein eigenes Spiegelbild in Augenschein zu nehmen. Langsam, als würde
er ein Geschenk von unschätzbarem Wert auspacken, öffnete Mal'akh seine Robe und
enthüllte seine nackte Gestalt. Der Anblick verschlug ihm die Sprache.
Ich bin ein Meisterwerk.
Sein massiger Körper war rasiert und glatt. Mal'akh schaute zuerst auf seine Füßen, die mit
den Schuppen und Klauen eines Falken tätowiert waren; dann bewegte sein Blick sich hinauf
zu seinen muskulösen Beinen, die als gemeißelte Säulen gestaltet waren - das linke Bein
spiralförmig, das rechte mit vertikalen Streifen. Boas und Jachin. Seine Lenden und sein
Magen bildeten einen verzierten Torbogen, und seine mächtige Brust war mit dem
doppelköpfigen Phönix geschmückt ... jeder Kopf im Profil zur Seite gewandt, sodass
Mal'akhs Brustwarzen das jeweilige Auge bildeten. Schultern, Hals, Gesicht und der rasierte
Kopf waren vollständig mit einem verschlungenen Muster von alten Symbolen und Zeichen
bedeckt.
Ich bin ein Artefakt ... ein sich entfaltendes Bild.
Es gab nur einen sterblichen Menschen, der Mal'akh nackt gesehen hatte, achtzehn Stunden
zuvor. Der Mann hatte vor Angst geschrien: "Mein Gott, Sie sind ein Dämon!"
"Wenn Sie mich als solchen betrachten", hatte Mal'akh geantwortet. Für die Menschen der
Antike waren Engel und Dämonen ein und dasselbe gewesen - zwei Seiten einer Münze,
alles eine Sache der Polarität: Der Schutzengel, der deinen Feind im Kampf besiegte, wurde
von deinem Feind als dämonischer Zerstörer betrachtet.
Mal'akh senkte nun das Haupt, um in dem riesigen Spiegel einen Blick auf die Oberseite
seines Kopfes werfen zu können. Dort, innerhalb eines kronengleichen Strahlenkranzes,
leuchtete ein kleiner Kreis blassen, nicht tätowierten Fleisches. Diese sorgfältig ausgesparte
Fläche war Mal'akhs einziges verbleibendes Stück jungfräulicher Haut. Die geweihte Stelle
hatte geduldig gewartet, und heute Nacht würde sie gefüllt werden. Auch wenn Mal'akh noch
nicht besaß, was er zur Vollendung seines Meisterwerks benötigte, so wusste er doch, dass
der Augenblick rasch näherrückte.
Erregt durch sein eigenes Spiegelbild, konnte er bereits seine Macht wachsen spüren. Er
schloss seine Robe und trat ans Fenster, blickte erneut hinaus auf die mystische Stadt.
Irgendwo dort draußen liegt es begraben.
Mal'alk konzentrierte sich wieder auf die vor ihm liegende Aufgabe. Er ging zum Frisiertisch
und trug sorgfältig eine Schicht von deckendem Make-up auf Gesicht, Kopfhaut und Hals
auf, bis seine Tattoos verschwunden waren. Dann legte er die vorbereitete Kleidung und
einige andere Dinge an, die er zuvor sorgfältig für diesen Abend zusamengestellt hatte. Als
er fertig war, überprüfte er sein Äußeres im Spiegel. Zufrieden strich er sich mit der Hand
über den blanken Schädel und lächelte.
Es ist da draußen, dachte er. Und heute Nacht wird mir jemand helfen, es zu finden.
Als Mal'akh sein Haus verließ, bereitete er sich geistig auf das Ereignis vor, das bald das
Kapitol erschüttern würde. Er hatte weder Kosten noch Mühen gescheut, um das Spielbrett
für den heutigen Abend aufzubauen und die Figuren in Szene zu setzen.
Und jetzt war endlich seine letzte Figur ins Spiel gekommen.