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Die Farben der Insel: Kristin Marja Baldursdóttir
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Kristin Marja Baldursdóttir

Die Farben der Insel

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1 gebund. Buch
Bestellnummer: 108584
Gebunden mit Schutzumschlag, 560 Seiten
Buchhandelsausgabe 19,50 €
Clubausgabe 17,99 €
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Über dieses Buch:

Die Geschichte von »Die Eismalerin« geht weiter - lassen Sie sich erneut von Karitas, einer so eigenwilligen wie berührenden Frauengestalt, betören und ins raue Island und elegante Paris entführen! Die Malerin Karitas lebt zurückgezogen in einem Dorf an der Küste. Ihre Kinder sieht sie nur selten, Sigmar, ihren Mann, fast gar nicht. Als ihre Karriere nicht voranschreiten will, beschließt sie, nach Paris zu gehen. Hier findet sie Inspirationen für ihre Bilder - und schließlich wird ihre Arbeit sogar in ihrer Heimat gewürdigt. Ist jetzt auch der Zeitpunkt gekommen, Sigmar wieder in ihr Leben zu lassen?
EAN: 9783810502643

Unsere Empfehlung für Sie: Die Eismalerin

"Die Farben der Insel" und "Die Eismalerin" zusammen für 27,19 €

Leseprobe:

»Besitzt du kein Foto von ihm?«, fragten Ólafía und Sveina an dem Abend, an dem wir so etwas wie Freundinnen wurden, und sie meinten damit ein Bild von meinem Ehemann Sigmar. Ich antwortete, dass ich kein Foto besäße, aber viele Zeichnungen, die mein Bruder Ólafur in Reykjavík aufbewahrte. Ich erwähnte nicht, dass diese Bilder ihn nackt zeigten und aus der Zeit stammten, als wir kaum etwas anderes taten, als uns zu lieben und Kinder in die turbulente Welt zu setzen. Mein Bruder Ólafur, der diese Zeichnungen natürlich gefunden hatte, als er meine Bilder bei sich einlagerte, sagte später einmal zu mir: »Erst als ich die Zeichnungen von Sigmar sah, wurde mir klar, was für eine Künstlerin du bist.« Auch diese seine Worte erwähnte ich nicht, als wir drei an dem Abend oben im Gemeindehaus saßen und uns bis tief in die Nacht unterhielten. Das war in dem Jahr, als ich die erste Bühnendekoration für sie gestaltete. Sie entstand in allerletzter Minute, und die Schwippschwägerinnen standen kurz vor einem Nervenzusammenbruch, weil sie befürchteten, dass ich sie nicht rechtzeitig vollenden könnte. Deswegen wichen sie nicht von meiner Seite, bis ich fertig war. Aber in dieser Gesellschaft ging mir die Arbeit gut von der Hand; wir unterhielten uns in vertraulichem Ton, wie Frauen es zu tun pflegen, wenn alles still geworden ist und keine Kinder in der Nähe sind. Sie versorgten mich ständig mit Kaffee und frisch gebackenen Plätzchen. Es war kurz vor Weihnachten, und als vorbildliche Hausfrauen waren sie bereits mit allem fertig. Deswegen waren sie guter Dinge und geizten nicht mit Informationen über ihr Leben. Und nachdem sie detailliert geschildert hatten, wie jedes einzelne ihrer Kinder auf die Welt gekommen war, denn andere außergewöhnliche Dinge hatten sich nicht in ihrem Leben ereignet, war die Reihe an mir. Weil ich so einsam gewesen war und es mir an menschlichen Kontakten gefehlt hatte, war ich wahrscheinlich redseliger, als ich es mir im Nachhinein gewünscht hätte. Ich erzählte ihnen von meiner Kindheit in den Westfjorden, von meinen Jahren als Wäscherin in Akureyri, von den Studienjahren in Kopenhagen, dem Heringssommer in Siglufjörður, als ich gerade vom Studium an der Kunstakademie zurückgekehrt war und Geld brauchte, um mir ein Atelier einrichten zu können. »Ich bin nach Siglufjörður gegangen und hatte vor, Unmengen von Heringen einzusalzen und reich zu werden, aber dann kapitulierte ich vor der Liebe, und deshalb klappte es auch nicht mit dem Atelier.« Ich erzählte ihnen, was für ein schöner Mann Sigmar mit seinen seegrünen Augen war, und die beiden lauschten mir wie hypnotisiert. Dabei wollte ich es bewenden lassen, aber sie baten mich inständig darum, mehr zu erzählen. Frauen lieben es, über die Liebe zu reden, und ich bekam Auftrieb durch ihr Interesse und erzählte ihnen von meinen Jahren mit Sigmar im östlichen Borgarfjörður eystri, wie entschlossen er gewesen war, ein reicher Reeder zu werden, und wie ich trotz der drei Kinder versucht hatte zu malen, und dann kam dieser traurige Abschnitt in meinem Leben. Da hätte ich aufhören sollen, aber das konnte ich nicht, der Mensch tendiert unwillkürlich dazu, sich immer wieder die Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen, die Narben auf der Seele hinterlassen haben; ich erzählte ihnen von meiner Krankheit, wobei ich allerdings die seelischen Qualen ausließ und stattdessen mehr auf die Magenbeschwerden einging; von Sigmars Abwesenheit und von meiner Schwester Bjarghildur, die eines Tages zu Besuch gekommen war und meine Tochter mitgenommen hatte. Ich war nicht zu bremsen und verstand mich selber nicht. Ich erzählte ihnen davon, dass ich nur mit meinen beiden Söhnen in den Öræfi -Bezirk übersiedelte, wo ich bei einer guten Frau unterkam und wieder gesund wurde. Dreizehn Jahre lang hatte ich dort gelebt, bis schließlich der Krieg ausbrach. Die beiden schwiegen und sperrten wegen eines derartigen Schicksals Mund und Nase auf, doch dann wollten sie noch mehr über die Liebe wissen und fragten nach Sigmar. Er sei doch so schön gewesen, was war aus ihm geworden? Ich erzählte ihnen, dass er etwa um die Zeit, als ich in den Südosten Islands ging, nach Italien gesegelt und erst dreizehn Jahre später zurückgekehrt war. »Und was hat er die ganze Zeit gemacht?«, fragten sie äußerst gespannt. Ich gab vor, nichts darüber zu wissen, ich hätte ihn nie danach gefragt und hätte auch nicht vor, das zu tun. Aber wir lebten getrennt, auch wenn wir nicht geschieden seien. »Und warum habt ihr euch nicht scheiden lassen, wo ihr doch schon all die Jahre nicht zusammenlebt?«, fragten sie verwundert. Das wollte ich ihnen nicht sagen. »Hast du denn kein Foto von ihm?«, fragten sie, denn diesen schönen Mann wollten sie unbedingt sehen. Aber da ich kein Foto von ihm besaß, zeigte ich ihnen stattdessen ein Bild von unseren beiden Söhnen Jón und Sumarliði, die jetzt auf der höheren Schule in Akureyri waren, und sie fanden, dass die beiden sehr gut aussahen. Das Foto von meiner Tochter Halldóra, das ich in einem Anhänger um den Hals trug, wollte ich ihnen nicht zeigen, denn dann hätte ich noch mehr von meiner Schwester Bjarghildur erzählen müssen, und das hätte mir die Laune verdorben. Was ungünstig ist, wenn man malen muss. Auf diese Weise wurde ich in der Nacht mit den Kulissen fertig, und seitdem habe ich jedes Jahr bei diesem Aufstand wegen der Bühnendekoration mitmachen müssen. Sie zogen weitere Erkundigungen über meine Familie ein, das kam mir zu Ohren, und sie fanden heraus, dass alle es zu etwas gebracht hatten. Sigmar gehörte zu den reichsten Reedern des Landes, mein Bruder Ólafur war Rechtsanwalt, mein kleiner Bruder Páll war Lehrer, und meine Schwester Bjarghildur war mit einem Abgeordneten verheiratet und außerdem Vorsitzende des Frauenvereins im Norden. Also brachten sie mir einigen Respekt entgegen, obwohl sie es seltsam fanden, dass ich nicht bei meiner Familie in Nordisland lebte. Aber sie gaben mir zu verstehen, dass es gut war, mich in Eyrarbakki zu haben. Vor allem vor den Weihnachtsaufführungen, fügte ich hinzu. Und wieder einmal musste ich mich mit isländischer Landschaft herumquälen, obwohl ich nichts langweiliger fand. Sie waren in der Küche und beugten sich mit ihren Kaffeetassen in der Hand in der Durchreiche vor. Von der ganzen Frauenschar, die sich abends für die Aufführung abgerackert hatte, waren sie als einzige übriggeblieben. Unten im Saal war alles klar, die Bühne war geschrubbt, die Kostüme waren fertig, und die Requisiten standen an ihrem Platz, es fehlten nur noch die Kulissen. »Ob sie wohl bis morgen trocken sein werden?«, fragten die Frauen besorgt. Ich antwortete nicht, ich hatte aus dem Fenster geschaut, und es kam mir so vor, als hätte ich weit draußen auf dem Meer ein Licht in der Finsternis gesehen. »Ist das da ein Licht?«, fragte ich und ließ die Pinsel fallen. Sie streckten die Köpfe vor und starrten in die Finsternis hinaus: »Das ist das Licht von einem Schiff, das in voller Fahrt auf den Hafen zuhält.«
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